Fischhaut - die neue Alternative bei chronischen Wunden?

Fischhaut

Die Deutsche Gesellschaft für Gefäßchirurgie und Gefäßmedizin e.V. gab am 14.3.2022 Anlass zur Hoffnung für Menschen, die an einer chronischen Wunde leiden. In ihrer Pressemitteilung äußern sie sich positiv über transplantierte Fischhaut auf chronischen Wunden. In US-Studien kam es zur Vermehrung von menschlichen Stammzellen, die die Zellneubildung initiieren. Eine weitere Studie mit einem Gen aus dem Amphibium Ambystoma mexicanum, der Lipoxygenase AmbLOXe, bewirkt beim Einbringen in menschliche Fibroblasten ein rascheres Verschließen des Wundspalts und zeigt damit eine positive Wirkung tierischen Materials auf die Wundheilung im menschlichen Organismus  auf. Aktuell hat der G-BA allerdings nur eine temporäre Abdeckung mit Fischhaut bei höhergradigen Verbrennungen als Kassenleistung in Deutschland genehmigt, die Kosten einer Fischhautdeckung diabetischer- und arteriell bedingter Wunden sind hier nicht inkludiert.

Funktionsweise

Im Norden Islands wird bereits die Haut des atlantischen Kabeljaus und Dorschs medizinisch genutzt. Die Fischhaut wird so aufbereitet, dass nur die zellfreie Stützstruktur, die Matrix, bestehen bleibt. Mit der Matrix lassen sich in vielen Fällen hartnäckige Wunden verschliessen. Fischhautmatrix ähnelt der menschlichen Matrix und ist durchsetzt mit Poren, welche für die Stammzellvermehrung verantwortlich gemacht werden. Laut Dr. Diener, Chefarzt der Gefäßchirurgie und Endovaskulären Chirurgie am Krankenhaus Buchholz (Niedersachsen), kann man sich die Matrix als Gerüst vorstellen, das „patienteneigenen Zellen dabei hilft, in das Wundgebiet einzuwandern und sich dort zu verankern“. Gemessene  Zellaktivität bei Verwendung von Fischhautmatrix  im Vergleich zu Matrix aus Schweineharnblase ist deutlich höher. Bei der Verwendung der Fischhautmatrix bestehe laut Dr. Diener kein erhöhtes Risiko einer Krankheitsübertragung. Er arbeitet bereits seit einigen Jahren mit dem Transplantat. Das fertige Produkt, welches weißem Pappkarton ähnelt, enthält auch Omega-3-Fettsäuren in hoher Konzentration. Diese tragen vermutlich ebenso zur Wundheilung bei, denn sie wirken entzündungshemmend, antibakteriell und antiviral. Omega-3-Fettsäuren stehen hier im Zusammenhang mit einer Wirkung gegen das Herpes simplex-Virus. Die Effekte  der Omega-3-Fettsäuren auf die Zellneubildung sind in Studien sogar wissenschaftlich belegt. 

Anwendungsgebiete

Sowohl beim DFS, als auch bei der pAVK hat sich laut Dr. Diener die Fischhaut in der Praxis bewährt. Möglich wäre auch ein Einsatz an anderen schlecht heilenden Wunden, allerdings ist der Einsatz der Fischhautmatrix laut Dr. Diener sehr teuer. In der Schweiz bieten Firmen  spezielle Anwenderkurse im Bereich der Wundversorgung mit Fischhaut an, da hier ein Zertifikat notwendig ist.

Die aktuelle Studienlage

Jedes Jahr werden in Deutschland mehr als 40.000 Zehen, Füße oder Unterschenkel aufgrund chronischer Gewebedefekte amputiert. Die Wundabdeckung aus Fischhaut scheint ein vielversprechender Ansatz zu sein, um Amputationsraten in Zukunft zu senken, laut DGG. Anlass der Mitteilung ist eine Multicenter Studie unter deutscher Beteiligung. Hier wird diese neue Methode der Wundversorgung derzeit evaluiert. In den USA hat das Produkt eine FDA Zulassung erhalten, in Europa ist es CE-zertifiziert. Die aktuelle EU-Studie, an der neben Kliniken in Frankreich, Schweden, Italien und der Schweiz das Krankenhaus Buchholz, das Uniklinikum Köln- und das Städtische Krankenhaus Karlsruhe beteiligt sind, soll die Wirksamkeit der Methode nun umfassender überprüfen. Wir benötigen dringend weitere Studien, um die Behandlung zu verbessern, meint DGG-Präsident Professor Dr. med. Steinbauer. Da eine Minderdurchblutung häufig die Ursache für die Entstehung von chronischen Wunden darstellt, weist er auch auf diesen Punkt noch einmal gesondert hin. Es werde laut Professor Dr. Steinbauer nicht häufig genug eine erweiterte Gefäßdiagnostik eingeleitet, obwohl vier von fünf chronischen Wunden auf Erkrankungen an den Gefäßen zurückzuführen seien. Daher sollten sich Betroffene mit offenen Beinen, die innerhalb von drei Monaten nicht abgeheilt sind, nach Möglichkeit in Kliniken mit Gefäßzentren vorstellen, die auf Wunden spezialisiert sind.

Quelle: Deutsche Gesellschaft für gefäßchirurgie und Gefäßmedizin e.V., Pressemitteilung vom 14.03.2022

Ärztezeitung Nr. 70D, 11.04.2017, S. 7

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